Aargau


Der Kanton Aargau ist geprägt durch ein vielfältiges Kulturschaffen und ein breites Kulturangebot. Er ist einer der ersten Kantone, der mit seinem Kulturgesetz von 1968 die Förderung und Pflege von Kultur als Staatsaufgabe in der Verfassung verankerte. Indem das Kulturgesetz der Vielfalt der Kultur, der Kulturförderung, der Teilhabe der Bevölkerung und der Kulturpflege einen hohen Stellenwert zumisst, knüpft es an das historisch begründete Selbstverständnis des Aargaus als «Kulturkanton» an. Die Bezeichnung führt ins frühe 19. Jahrhundert zurück. Die «Gesellschaft für vaterländliche Kultur», welche im Jahr 1811 im Kanton Aargau gegründet wurde, brachte im Verlaufe der Zeit unterschiedliche kulturelle Vereinigungen und Einrichtungen hervor. So entstand der Nährboden für kulturelle Vereine im städtischen und ländlichen Milieu.

Immaterielles Kulturerbe im Kulturgesetz vom 31. März 2009

Das äusserst reichhaltige Kulturleben, das die breite Förderpolitik der Vergangenheit hervorbrachte, schloss immaterielle Kultur und somit lebendige Traditionen mit ein. Die Bedeutung dieser Traditionen für den Kanton Aargau wurde im neuen Kulturgesetz von 2009 unterstrichen. Dort ist das immaterielle Kulturerbe als ergänzender Förderbereich des Kantons erstmals explizit genannt und dem Aufgabenbereich des Aargauer Kuratoriums, der für das zeitgenössische Kunstschaffen zuständigen Förderstelle im Kanton Aargau, zugewiesen. Im Anschluss wurde ein kulturpolitischer Schwerpunkt auf das immaterielle Kulturerbe gelegt. Davon zeugen Anlässe wie etwa Podiumsgespräche, welche das Forum Schlossplatz im Rahmen der Ausstellung «Hierig - Heutig. Tradition im Aufbruch» im Jahr 2010 in Aarau realisierte. Ein weiteres Beispiel ist der Projektwettbewerb «zu Tisch», den das Aargauer Kuratorium im Januar 2010 ausgeschrieben hatte. Er sensibilisierte die Kulturschaffenden für lebendige Traditionen als Basis zeitgenössischen Kunstschaffens und veranschaulichte die lebendige Auseinandersetzung mit dem immateriellen Kulturerbe. Ferner machte die Prämierung der Projekte deutlich, dass Elemente des immateriellen Kulturerbes in den unterschiedlichen, bereits bestehenden Sparten des künstlerischen Schaffens, vom Aargauer Kuratorium gefördert werden können.

Der Stellenwert des Förderbereichs in der aargauischen Kulturpolitik zeigte sich auch an der Durchführung des Projekts «Immaterielles Kulturerbe Aargau-Solothurn. Liste der lebendigen Traditionen». Gemeinsam mit dem Kanton Solothurn wurde in engem Austausch mit der Bevölkerung in den Jahren 2010-2011 das immaterielle Kulturerbe erhoben. Die Ergebnisse mündeten in eine bi-kantonale Liste der lebendigen Traditionen. Diese dient als Informationsgefäss für Anliegen sowohl von behördlicher als auch privater Seite. Das Projekt und die daraus hervorgehende Publikation von 2013 stärken das Bewusstsein der Bevölkerung für ihre eigenen Traditionen.

Parallel zum Engagement des Kuratoriums fördert der Swisslos-Fonds mit einem Teil seiner Mittel laufend eine vielfältige Laienkultur. Einen Schwerpunkt bildet dabei die Förderung der Zusammenarbeit zwischen Laien und professionellen Kulturschaffenden in sämtlichen Kultursparten. Exponenten aus Theater, Literatur und Musik engagieren sich in und für Laienensembles, wodurch beispielsweise die stark verankerte Theatertradition lebendig und erfolgreich bleibt.

Vielfalt des immateriellen Kulturerbes

Historisch bedingt, weist der Kanton Aargau vier starke Regionen mit je unterschiedlich ausgeprägten kulturellen Traditionen und Kulturszenen auf. Die Vielfalt und Buntheit macht den Reiz der lebendigen Traditionen im Kanton Aargau aus. Betrachtet man die mehr als 1'000 Einträge auf der Liste, findet der/die Lesende neben städtischen Traditionen - wie etwa den Jugendfesten in Lenzburg, Aarau, Zofingen und Brugg, dem Aarauer Bachfischet und dem Rheinfelder Brunnensingen - auch ländlich geprägte Traditionen, so beispielsweise die Fruchtbarkeitsbräuche «Eierläset» und «Pfingstsprützlig» sowie Erntedankgottesdienste und -feste. Die Mannigfaltigkeit der lebendigen Traditionen im Kanton Aargau zeigt sich ferner in ihrer einerseits sehr privaten, informellen Praxis und andererseits in ihren öffentlichen Ausführungen mit Ausstrahlung in die ganze Deutschschweiz. Während beispielsweise die vier Operettenbühnen in Beinwil am See, Bremgarten, Möriken-Wildegg und Rheinfelden überkantonal Publikum anziehen, spielen sich andere lebendige Traditionen hauptsächlich lokal und regional ab. So werden beispielsweise mancherorts die Namenstage anstelle der Geburtstage gefeiert, und die Henna-Nacht vor der Heirat gehört zu türkischen Hochzeiten, die im Kanton Aargau zelebriert werden. Der Austausch zwischen unterschiedlichen sprachlichen und religiösen Gemeinschaften wird im Kanton Aargau geschätzt und gefördert. Dementsprechend nehmen beispielsweise nicht nur Italiener und Italienerinnen oder ihre Nachkommen zweiter und dritter Generation an der «San Giuseppe-Feier in Laufenburg» teil. Unabhängig von der eigenen Herkunft können sich Schweizerinnen, Portugiesen, Spanierinnen und viele mehr mit der Idee des gegenseitigen Dienens während des San Giuseppe-Tages identifizieren.

Das jüdische Kulturerbe im Aargauer Surbtal ist schweizweit einzigartig. Der «Jüdische Kulturweg» in Endingen und Lengnau trägt zum Austausch und Dialog bei, ehemals auch die «Jüdische Kulturwoche». «Doppeltür» ist der Name eines aktuellen Projekts zur Vermittlung des jüdischen Kulturerbes und des jüdisch-christlichen Zusammenlebens im Surbtal. Zugleich erarbeitet eine Autorengruppe unter der Leitung von Prof. Jacques Picard eine neue, wissenschaftsbasierte Publikation mit dem Arbeitstitel «Jüdischer Kultur- und Lebensraum Aargau».

Auffallend sind die vielen Bräuche, bei denen Jugendliche die Hauptrolle spielen. Davon zeugen die vier grossen Jugendfeste in Aarau, Brugg, Lenzburg und Zofingen, die zum Teil auf eine jahrhundertalte Tradition zurückgehen. Im lokalen Brauchtum treiben Jugendliche als «Chläuse», «Chlauschlöpfer» oder «Stäcklibuebe» Schabernack und tragen zugleich zum Freizeitangebot einzelner Gemeinden bei. Häufig steht ihr Treiben in einem sozialen Dienst. Sowohl die «Sternsinger von Wettingen» als auch die «Chläuse» des «Chlausjagens in Hallwil» spenden das gesammelte respektive erheischte Geld für einen wohltätigen Zweck. Eine lebendige Tradition jüngerer Zeit ist das Open Air «Heitere». Seit 1991 gilt es vielen Jugendlichen und jungen Erwachsenen als Höhepunkt im Kulturjahr. Auch noch jüngere Festivals wie das «Festival des Arcs» in Ehrendingen haben sich bereits den Status einer lebendigen Tradition erspielt. Der Vielfalt und Buntheit der lebendigen Traditionen im Kanton Aargau sind keine Grenzen gesetzt. Viele Bräuche teilen die Aargauer und Aargauerinnen schliesslich mit ihren Kantonsnachbarn. Wie der erwähnte «Eierläset» und die «Stäcklibuebe» verbindet auch die Tradition der «Seidenbandindustrie» und der heutigen industriellen Bandweberei den Kanton Aargau mit den Baselbietern.

Die historisch gewachsene, vielfältige und häufig lokal verankerte Industrie wie zum Beispiel die «Strohflechterei im Freiamt» und die «Tabakindustrie im oberen See- und Wynental» liess einige Traditionen entstehen, die teilweise noch heute lebendig sind und die Mannigfaltigkeit von immateriellem Kulturerbe veranschaulichen. Neben den bereits angeführten, mündlich überlieferten Traditionen und Ausdrucksweisen, den darstellenden Künsten sowie den mehrheitlich gesellschaftlichen Praktiken, Ritualen und Festen bewahren beispielsweise Freiämterinnen und Freiämter das Fachwissen über die traditionelle Handwerkstechnik des «Strohflechtens und -bindens». Der Anbau, Erhalt und die Samengewinnung der «Chüttiger Rüebli» durch den Landfrauenverein in Küttigen als Beispiel für den Umgang mit der Natur verdeutlichen das grosse Spektrum der lebendigen Traditionen im Kanton Aargau.

Im Rahmen der Neuauflage der «Liste der lebendigen Traditionen in der Schweiz» im Jahr 2018 wurde die «Badenfahrt» neu aufgenommen. Die moderne Badenfahrt wird seit Anfang den 20. Jahrhunderts nur alle zehn Jahre durchgeführt. Sie hat sich im Lauf der Zeit dynamisch fortentwickelt und ist heute eines der grössten Stadtfeste der Schweiz, welches von der jungen Generation weitergetragen wird. Die Badenfahrt steht daher exemplarisch für eine lebendige Tradition.

Weitere Informationen

Das immaterielle Kulturerbe in den Kantonen Aargau-Solothurn ist in einer eigenen Liste mit mehr als 1'000 lebendigen Traditionen erfasst, die von Trägerschaften selbst, von der breiten Öffentlichkeit und von Gemeinden eingebracht worden sind: www.immaterielles-kulturerbe-ag-so.ch. Zudem sind auf den Gemeindehomepages häufig unter der Rubrik «Kultur» respektive «Brauchtum» kommunale lebendige Traditionen aufgeführt wie etwa bei Lupfig oder Meisterschwanden.

Die Vorschläge der Kantone Aargau und Solothurn für die «Liste der lebendigen Traditionen in der Schweiz» wurden 2011 von Karin Janz, Hans Joerg Zumsteg und André Schluchter in Zusammenarbeit mit einem Ausschuss von vier Mitgliedern der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde erarbeitet. Die Dossiers haben Karin Janz und Kira von Rickenbach verfasst. Für die Neuauflage der Liste im Jahr 2018 haben Karin Janz und das Büro Schürch & Koellreuter, Basel, die bestehenden Dossiers überarbeitet.

Die erwähnte Publikation «Säen, dröhnen, feiern. Lebendige Traditionen heute» von Karin Janz ist 2013 im Verlag hier+jetzt, Baden, erschienen: ISBN 978-3-03919-298-4.

Der Kanton Aargau verfügt über ein Kulturkonzept, das Grundsätze sowie Ziele der kantonalen Kulturförderung, Kulturvermittlung und Kulturpflege definiert, welche mit der Umsetzung von 33 Massnahmen in den Jahren 2017-2022 erreicht werden sollen. Das Dokument beinhaltet zudem ein Porträt der Kulturlandschaft Aargau, zu der auch das immaterielle Kulturerbe und die lebendigen Traditionen gehören.

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