Freiburg


Auch heute wird der Kanton Freiburg häufig als katholisch-ländliches Biotop wahrgenommen, wo sich das Leben im Rhythmus vieler Traditionen abspielt. Dieses Bild erfüllt einerseits die Erwartungen der Touristen und entspricht andererseits wohl auch einer Wirklichkeit, wie sie von den vor 1960 geborenen Generationen noch gelebt wird, während sie für die folgenden Generationen nur noch von symbolischer Bedeutung sein dürfte. Tatsächlich fielen die 1960er-Jahre mit dem industriellen Aufschwung eines bislang nahezu ausschliesslich landwirtschaftlich geprägten Kantons zusammen; mit einer Umkehrung des Migrationsflusses, der ihn zuvor seit dem 18. Jahrhundert immer wieder seiner treibenden Kräfte beraubt hatte; mit dem Umbruch, den das Zweite Vatikanische Konzil der katholischen Kultur Freiburgs brachte; und schliesslich mit den neuen Bildungsmodellen, welche das auf die Gegenreformation zurückgehende Reproduktionssystem der Eliten erschütterte.

Im ausgehenden 20. Jahrhundert werden alte Traditionen wie der Alpabzug zunehmend neu inszeniert, während die Wirtschaft sich ständig wandelt und die Bevölkerung rasch zunimmt. Zahlreiche Feste und Traditionen nehmen die heute bekannten Formen an, und die erneuerten Bräuche tragen zur Erhaltung eines stabilen sozialen Netzwerkes bei.

Massnahmen zur Unterstützung der lebendigen Traditionen

Die Umsetzung der UNESCO-Konvention auf Bundesebene bot dem Kanton Freiburg die Gelegenheit, seine lebendigen Traditionen zu inventarisieren. Federführend war das Greyerzer Museum in Bulle.

Die Website www.freiburger-traditionen.ch präsentiert im Detail fast 50 der 70 im kantonalen Inventar von 2012 erfassten Traditionen. In diesem Verzeichnis ist jeder Brauch mit einer kurzen Beschreibung, einer Abbildung, bibliografischen Hinweisen und nützlichen Links dokumentiert. Dank der Arbeit einer Expertengruppe und unter Beteiligung der Träger und Kenner von Traditionen, die eingeladen sind, Präzisierungen anzubringen und das Inventar zu bereichern, wird die Freiburger Liste regelmässig nachgeführt.

Die vor diesem Inventarisierungsprozess entwickelte kantonale Kulturgesetzgebung ermöglicht die Unterstützung der lebendigen Traditionen: In Vereinen organisierte Traditionsträger können Jahressubventionen beantragen; Unterstützungsbeiträge können professionellen Projekten gewährt werden, die zur Erneuerung oder Bereicherung der lebendigen Traditionen beitragen; gewisse handwerkliche Fertigkeiten wie die Schindelmacherei erhalten eine besondere finanzielle Unterstützung, und die Sensibilisierung für lebendige Traditionen ist Teil des Lehrplans in den Schulen. Die Pädagogische Hochschule Freiburg entwickelt ihrerseits Forschungsarbeiten und gibt didaktische Hilfsmittel für Lehrpersonen und Schüler heraus. Zudem ermöglicht das Programm Kultur & Schule die Unterstützung und Aufwertung von Aktivitäten, die einen Bezug zum immateriellen Kulturerbe haben (Besichtigungen, Workshops, Vorführungen).

Um die bildliche Darstellung seiner lebendigen Traditionen zu erneuern und zu ihrer fotografischen Archivierung beizutragen, lancierte der Kanton 2016 mit Unterstützung von Pro Helvetia das partizipative Projekt «Lebendige Traditionen in Bildern». In den sozialen Netzwerken geteilte Fotografien und von Berufsfotografen geschaffene Serien werden der Öffentlichkeit im Rahmen von Ausstellungen und in einer Publikation präsentiert.

Lebendige Traditionen im Kanton

Die unzähligen Traditionen des Freiburgerlands sind durch einige gemeinsame Grundzüge charakterisiert. Es lassen sich vier Hauptgruppen unterscheiden, die sich teilweise überschneiden, und häufig sogar überlagern. Die erste Gruppe umfasst die Sennenkultur mit den saisonalen Alpauf- und -abzügen: Chalet, Schindeln, Käse, Doppelrahm, Ranz des vaches (Lyoba, Kühreihen), Bredzon (kurzärmlige Sennenjacke), Poya (gemalte Alpaufzüge) und Glockenriemen... Die zweite Gruppe zeugt vom Weiterbestehen eines ausdrucksstarken und populären Katholizismus mit seinen Prozessionen (Fronleichnam, Bittgänge), seiner Heiligenverehrung, seinen Wallfahrten und seinen profanen Fortsetzungen (Essgelage der Bénichon). Die dritte Gruppe umfasst das Chorsingen, eine bevorzugte künstlerische Ausdrucksform der Freiburgerinnen und Freiburger: Man singt, weil man sich trifft oder man trifft sich, weil man singt; man singt im gemischten Chor, im Männer-, Frauen- oder Kinderchor, ein weltliches oder geistliches, populäres oder gelehrtes, altes oder neues, französisches oder deutsches, lateinisches oder dialektales Repertoire. Und schliesslich vertritt die letzte Gruppe das Interesse an historischen Gedenktagen mit patriotischem und militärischem Hintergrund, das sich in Paraden, Festen und Feiern manifestiert, die wie die «Solennität» von Murten oft mit einer religiösen Note angereichert sind; oder das sich in szenischen Darstellungen mittelalterlicher Prägung niederschlägt, insbesondere rund um die Grafen von Greyerz.

Seit kurzem lässt sich in Städten wie in kleineren Ortschaften ein zunehmendes Festhalten an Festivals beobachten. Die Traditionen sprechen die junge Generation an, die sich nicht scheut, sie sich anzueignen und neu zu erfinden wie anlässlich des Festivals Belluard Bollwerk International 2016, in dessen Rahmen Kunstschaffende und Performer sich mit dem Thema «Living Traditions» auseinandersetzten.

Als echter touristischer Trumpf werden die lebendigen Traditionen in den Werbestrategien der Tourismusregionen und -vereinigungen regelmässig hervorgehoben (Freiburg Region mit seiner Plattform zum Teilen authentischer Erlebnisse dzin.ch, der Regionale Naturpark Gruyère-Pays d'Enhaut mit der App «Die Käsewege» und seinen Thementouren usw.). Die traditionellen Alpabzüge, das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest, das 2016 in Estavayer-le-Lac stattfand, oder die Poya von Estavannens 2013 sind populäre Veranstaltungen, die ein Publikum aus dem Kanton wie aus Nachbarregionen anziehen. Dank des Einsatzes zahlreicher Freiwilliger und dank ihrer Anpassung an den heutigen Kontext beruhen diese Veranstaltungen auf der Beteiligung der Ortsbevölkerung und kräftigen deren Verhältnis zum traditionellen Kulturerbe.

Referenzen