Neuenburg


Der Kanton Neuenburg bezeichnet sich gerne als Land der Präzision und der hochstehenden Technologie. Er entdeckt und vermittelt sein immaterielles Kulturerbe durch die Erstellung und Aktualisierung der Liste der lebendigen Traditionen in der Schweiz. Mehrere Gruppen haben sich auf die Aufrufe von 2011 und 2017 gemeldet, um ihre traditionellen Aktivitäten auf diese Liste einschreiben zu lassen. Es handelt sich dabei um Freizeitaktivitäten, Kenntnisse, Ausdrucksweisen, gesellschaftliche Praktiken, Gedenkanlässe oder Feste, die lokal oder auch breiter praktiziert werden.

Eine originelle Vorgehensweise bei der Inventarisierung

Um den Wortlaut der Unesco-Konvention zur Bewahrung des immateriellen Kulturerbes zu respektieren, hat sich der Kanton Neuenburg dazu entschlossen, sein immaterielles Kulturerbe in einem partizipativen Verfahren zu erfassen und den Traditionsträgerinnen und -trägern eine zentrale Rolle einzuräumen. Die Behörden haben darauf verzichtet, eine Liste der Traditionen vorzustellen und die Akteure aufgefordert, sich zu melden. Alle Vorschläge zur Aufnahme auf die Liste wurden spontan eingereicht, mit Ausnahme der «Torrée», die so weit verbreitet ist, dass keine einzelnen Trägerinnen und Träger bestimmt werden können.

Eine Expertengruppe aus Museen, Bibliotheken, der Universität Neuenburg und der kantonalen Dienststelle für Kultur prüfte anschliessend die eingegangenen Vorschläge und leitete sie zur definitiven Auswahl an das Bundesamt für Kultur weiter. Acht der zwölf beim Bund eingegangenen Vorschläge (zwei Drittel) wurden auf die Liste der lebendigen Traditionen der Schweiz aufgenommen. Im Jahr 2018 umfasst diese Liste 199 Einträge.

Inventarisierte Traditionen und Förderungsmassnahmen

Die Neuenburger Bevölkerung nannte so unterschiedliche Traditionen wie die «Torrée» - ein herbstliches Familienfest auf bewaldeten Weiden, bei dem Wurst und Kartoffeln über dem Feuer gebraten werden - oder die Neuenburger Spitze - ein blühender Zweig der Industrie vergangener Zeiten, von dem heute oft vergessen wird, dass er dem Aufschwung in der Uhrenindustrie voranging. Andere Traditionen stehen in einem politischen Zusammenhang, wie zum Beispiel die «Marche commémorative de la Révolution neuchâteloise du 1er mars 1848» (Gedenkmarsch der Neuenburger Revolution vom 1. März 1848) oder die «Fête des Fontaines de Môtiers» (Brunnenfest von Môtiers). Beide zeugen vom starken staatsbürgerlichen Bewusstsein der Neuenburgerinnen und Neuenburger. Das Kegelspiel, das Schlittschuhlaufen auf dem Doubs an der französisch-schweizerischen Grenze bei les Brenets und die Schneeskulpturen und -konstruktionen von La Chaux-de-Fonds haben einen spielerischen Charakter und zeigen die besondere regionale Vitalität sowie die Verbundenheit mit der Natur und dem Winter. Sie sind in der Stadt ebenso lebendig wie in ländlichen Gebieten. Der unter anderem dank freiwilligen Dahlien- und Nelkenpflückerinnen und -pflückern durchgeführte Festzug des «Corso Fleuri» des Winzerfestes in der Stadt Neuenburg illustriert ebenfalls die subtile Mischung der lebendigen Traditionen im Kanton Neuenburg, die auf die schweizerische Liste aufgenommen wurden.

Einige Bräuche (Brunnenfest, Corso Fleuri des Winzerfestes, Marsch des 1. März, Schneeskulpturen und -konstruktionen) geniessen symbolische Anerkennung oder logistische Unterstützung der Gemeindebehörden.

Weitere Neuenburger Traditionen

Aufgrund des vom Kanton gewünschten partizipativen Verfahrens bei der Inventarisierung musste auf einige markante Neuenburger Bräuche verzichtet werden, da deren Träger zu wenig interessiert waren oder nicht mobilisiert werden konnten. Dazu gehören zum Beispiel die traditionellen Familienwanderungen oder die Kenntnisse und Erzählungen zum Absinthegenuss. Die «Promotions» und die Braderie von La Chaux-de-Fonds fehlten auf der Liste von 2012, wurden aber dennoch in gemeinsame Präsentationen mit anderen Kantonen aufgenommen. Das Dossier der «Promotions» wurde 2012 durch den Kanton Genf initiiert, die Braderien im Jurabogen wurden 2018 aufgenommen.

Praxis und Traditionen der regionalen Uhrenindustrie sind in einem grösseren Zusammenhang Teil der Ausarbeitung eines interregionalen Dossiers zur Uhrmacherkunst durch Vertreterinnen und Vertreter der Kantone des Jurabogens (Genf, Waadt, Neuenburg, Jura, Bern, Solothurn, Basel Landschaft und Schaffhausen). Zusätzlich zu den nationalen Traditionen wie Jassen, Fondue, Grafik-Design und Typographie, Alpsaison oder Vereinswesen unterstützt der Kanton Neuenburg auch die Kandidatur «Trockenmauern bauen» in der Schweiz und auf internationaler Ebene.

Referenzen