Tessin


Im Tessin gibt es auf kantonaler Ebene keine speziellen Massnahmen, Trägerschaften oder Behörden, die direkt oder ausschliesslich für die Vermittlung und die Förderung des immateriellen Kulturerbes zuständig sind. Das Zentrum für Dialektologie und Ethnographie (Centro di dialettologia e di etnografia CDE) in Bellinzona dokumentiert, untersucht und erschliesst seit 1907 die sprachliche und ethnographische Situation in der italienischen Schweiz. Das «Vocabolario dei dialetti della Svizzera italiana» (VSI) befasst sich insbesondere mit dem Sammeln und Analysieren des sprachlichen Kulturerbes des Tessins, des Moesano, des Bergell und des Puschlav. Das Werk stellt Begriffe aus Naturkunde, Folklore, Ergologie sowie weltlicher und kirchlicher Geschichte zusammen, analysiert Glaube und Aberglaube sowie Volksmeteorologie und -heilkunde und sammelt Legenden und Erzählungen. Dabei werden die menschlichen und sozialen Aspekte stets berücksichtigt. Das VSL kann daher als echte Enzyklopädie des landwirtschaftlichen und handwerklichen Lebens betrachtet werden und illustriert Sprache, Tätigkeiten und Geschichte, vor allem aber auch die Seele einer Gemeinschaft.

Das CDE arbeitet mit den Medien zusammen und fördert Ausstellungen, Tagungen und Vorträge in Zusammenhang mit den lokalen Gegebenheiten. Es koordiniert die Tätigkeiten der elf kantonalen ethnographischen Museen, die ebenfalls zur Vermittlung und Erhaltung des lokalen immateriellen Kulturerbes beitragen, und bietet ihnen wissenschaftliche und technische Unterstützung. Seit 2014 ist das CDE auch für das Sammeln, Bewahren und Vermitteln der Toponomastik zuständig.

Archive

Unter den verschiedenen Archiven im Tessin ist in erster Linie das Staatsarchiv (Archivio di Stato) massgebend. Es umfasst zahlreiche öffentliche Dienstleistungen, zu denen der «Servizio archivi locali» (SAL) gehört, der seit 1990 für die Erhaltung und Förderung der mehr als 600 Archive der tessiner Gemeinden, Patriziate und Kirchgemeinden zuständig ist. Hauptaufgabe dieses Dienstes sind Erhebung und Sichtung der lokalen Archive, Erhaltungsmassnahmen bei unmittelbarer Gefährdung, Beratung der lokalen Organisationen bei der Erhaltung und Verwaltung der Dokumente sowie Inventarisierung und Einordnung. Am Sitz des Staatsarchivs befindet sich auch die Redaktion der Reihe «Materiali e documenti ticinesi» (MDT), welche die kritische Herausgabe sämtlicher Dokumente der Bezirke Leventina, Riviera und Blenio aus dem 12. bis 14. Jahrhundert betreut. Zu den Dokumenten des Staatsarchivs gehören auch Photographien, die durch ihre grosse Anzahl und durch ihren dokumentarischen Wert einen wichtigen Platz einnehmen. Um das fotografische Kulturerbe zu vermitteln und zu erschliessen arbeitet das Staatsarchiv zusammen mit dem «Laboratorio di cultura visiva» der SUPSI an der Digitalisierung und Katalogisierung der wichtigsten Bestände.
Auf lokaler Ebene ist auch das Audiovisuelle Archiv von Capriasca und dem Val Colla (Archivio audiovisivo di Capriasca e Val Colla ACVC) zu erwähnen, das sich mithilfe einer weitgehend systematischen Erfassung von privaten Photographien und mündlichen Zeugnissen der Region, insbesondere historisch-ethnographischer Natur, für die Aufwertung des immateriellen Kulturerbes einsetzt. Auch das von der Gemeinde Arogno geförderte Archiv von Arogno (Archivio della Memoria di Arogno ADMA) dient als Instrument für die Erhaltung der historischen, ökonomischen und menschlichen Merkmale der Region, indem es mündliche Zeugnisse, Photographien und Dokumente sammelt.

Zu erwähnen ist auch die «Associazione Archivi Riuniti delle Donne Ticino» in Massagno. Seit 2001 sammelt, katalogisiert und überliefert sie Texte, Tagebücher und weitere Materialien zur Dokumentation von Erfahrungen, Wissen und Leben von Frauen, die in der Schweiz gewirkt und/oder gelebt haben.

Die Erhaltung und die Erschliessung des klingenden Kulturguts der Schweiz wird von der Nationalphonothek in Lugano gewährleistet. Diese Institution wurde 1987 als privatrechtliche Stiftung gegründet und ist heute Teil der Schweizerischen Nationalbibliothek (NB). Sie sammelt und dokumentiert Tonträger, deren Inhalte einen Bezug zur Geschichte und Kultur der Schweiz haben. Dazu gehören sowohl musikalische wie gesprochene Dokumente. Die Phonothek macht auch Aufnahmen in den Bereichen klassische Musik, Rock, Jazz, Volksmusik, Hörbücher, Erzählungen, Theaterstücke, Interviews usw.

Handwerk, Musik und Theater

Der Verband Arbeitsgruppe für das Tessiner Handwerk (Gruppo di lavoro artigianato del Ticino GLATI) wurde im Jahr 2000 ins Leben gerufen. Er soll die Verantwortung der verschiedenen Handwerksvereinigungen für ihren Sektor stärken, insbesondere was die Förderung und die Informationsvermittlung gemäss kantonalem Gewerbegesetz (Legge cantonale sull'artigianato) vom 18. März 1986. Die Verbandsmitglieder werden ausserdem dazu aufgerufen, die Konvention über die Marke «Tessiner Handwerk» (Convenzione sul marchio Artigianato del Ticino) vom 2. Dezember 1991 einzuhalten. Folgende Vereinigungen sind Mitglied des GLATI: Tessiner Töpferei- und Handwerksvereinigung (Associazione Pro Verzasca, Associazione del cotto e artigiani del Ticino), Handwerksvereinigung Maggiatal (Associazione artigiani di Vallemaggia), Handwerksvereinigung Blenio (Associazione artigiani bleniesi).

Die Kantonale Trachtenvereinigung Tessin (Federazione Cantonale del Costume Ticinese FCCT) wurde 1937 gegründet. Sie untersucht und konserviert Trachten, Volkstänze und Volksmusik sowie Bräuche und Traditionen des Kantons Tessin. Zurzeit vereint die FCCT 19 Gruppen, darunter zum Beispiel die Tessiner Lieder- und Trachtengruppe (Gruppo Canzoni e Costumi Ticinesi), die Trachtenvereinigung Maggiatal (Associazione Costumi Vallemaggia), den Volkschor von Lugano (Canterini di Lugano), die Trachtengruppe von Chironico (Gruppo Costumi Chironichesi), die Trachtengruppe Pro Muggiotal (Gruppo Costumi della Pro Valle di Muggio) oder die Trachtengruppe Valcolla Lugano (Gruppo Costumi Valcolla Lugano).

Auch im musikalischen Bereich wird im Tessin seit einigen Jahrzehnten eine breit angelegte und systematische Neubelebung des traditionellen Kulturerbes angestrebt. Im Jahr 1983 wurde die Volksmusikgruppe «Vox Blenii» ins Leben gerufen, die auf die Erfahrung und die Kompetenzen älterer Einwohnerinnen und Einwohner zurückgreift und so die Lieder und die mündliche Musiktradition der nördlichen Täler zusammenträgt. Der Stil von «Vox Blenii» lässt Raum für Improvisationen, bleibt aber trotzdem tief in der Tessiner Volkskultur verwurzelt. Seit 1988 organisiert «Vox Blenii» ein dreitägiges Fest der Volksmusik, an dem vor allem auch Musikschaffende aus Italien teilnehmen.
Das Duo «Vent Negru» aus Locarno lässt seit 1991 Gesang und Musik vor allem aus dem Onsernonetal wieder aufleben, überschreitet aber auch die Grenzen bis in die Lombardei, das Piemont oder die Provence. Eine weitere Vereinigung zur Erforschung und Wiederentdeckung des traditionellen Repertoires sind die «Tre Tèr». Diese Gruppe umfasst Musikerinnen und Musiker aus dem Onsernonetal, dem Centovalli und der Mesolcina. Von besonderem Interesse ist der «Fondo Roberto Leydi», der im CDE von Bellinzona aufbewahrt wird. Es handelt sich hierbei um eine bedeutende Schenkung, die eine reichhaltige und systematische Materialsammlung über Musik und Volkskultur umfasst. Entstanden ist der Fonds dank den zahlreichen Feldforschungen von Roberto Leydi (1928-2003) und auf der Grundlage seiner Begegnungen mit Musikschaffenden, Handwerkerinnen und Handwerkern sowie verschiedenen Informantinnen und Informanten. Auch die lange Erfahrung Leydis als Universitätsdozent, sein intensives Engagement während über 50 Jahren und diverse persönliche Beziehungen haben diese Sammlung an Musikinstrumenten, Schallplatten, Tonbändern, Partituren, Büchern, Periodika und Dissertationen mit musikologischem und ethnologischem Hintergrund möglich gemacht.

Am musikalischen Angebot beteiligen sich massgeblich auch die zahlreichen Chöre und Musikgruppen mit ihren breitgefächerten Repertoires. Verschiedene Sektionen von «Pro Ticino» verfügen zum Beispiel über ihren eigenen Chor und verfolgen das Ziel, den Chorgesang in Italienisch oder Dialekt zu verbreiten und die Tradition der Tessiner oder italienischsprachigen Volkslieder lebendig zu erhalten.

Im Zusammenhang mit den Bühnenkünsten müssen auch die Bemühungen im Bereich des Dialekttheaters erwähnt werden: Seit 1999 setzt sich das Volkstheater der italienischen Schweiz (Teatro Popolare della Svizzera italiana TEPSI) dafür ein, das Volkstheater und insbesondere auch die Tradition des Dialekttheaters zu erhalten. Im Tessin bestehen zahlreiche Laientheatergruppen, die sich im Verband für Laientheater der italienischen Schweiz (Federazione Filodrammatiche della Svizzera italiana FFSI) zusammengeschlossen haben und sich für Aufführungen in Dialekt einsetzen.

Andere Bräuche

Als 2011 eine Liste der lebendigen Traditionen in der Schweiz erarbeitetet wurde, hat der Kanton Tessin der Arbeitsgruppe des Bundesamtes für Kultur 17 Traditionen vorgeschlagen. Neben den Traditionen, die auf die Liste aufgenommen wurden, zählten dazu die «Cacciata di gennaio in Chironico», der Karneval von Brissago, Das Fest des seligen Manfredo in Riva S. Vitale, die Rituale der heiligen Woche in Faido, die Eierversteigerung in Vaglio, die Prozession von Gannariente im Val Bavona, das Fest des Heiligen Rocco in Gribbio, das Traubenfest im Mendrisiotto, Der Abbau und die Verarbeitung von Granit im Bezirk Riviera, die Produktion der «Farina Bona» im Onsernonetal, der «Corpo Volontari Luganesi» und die Weihnachtsnovene in Morcote. Die beiden letzteren wurden bei der Aktualisierung 2017 auf die Liste aufgenommen. Der «Corpo Volontari Luganesi» wurde mit den Milizen im Bleniotal zu den Historischen Milizen zusammengefasst, für die Weihnachtsnovene in Morcote wurde ein eigenes Dossier erstellt. Zu diesen lebendigen Traditionen ist ausserdem die Kultur der Grotti hinzugefügt worden.

Diese und weitere Tessiner Bräuche wurden in ein 29 Beschriebe umfassendes grenzüberschreitendes Inventar zur Förderung der traditionellen kulturellen Veranstaltungen im Alpenraum aufgenommen. Es wurde 2008 von der Region Lombardei in Zusammenarbeit mit den nationalen und internationalen Partnern des Projekts E.CH.I. (Etnografie italo-svizzere per la valorizzazione del patrimonio immateriale - Programm Italien Schweiz 2007-2013) initiiert. Dieses Online-Inventar macht das immaterielle Kulturerbe der Lombardei, des Piemonts, des Aostatals, des Kantons Tessin, des Val Poschiavo, des Trentino und des Südtirols zugänglich und bekannt. Die Ergebnisse des Projekts werden von den Gemeinden und den Trägerinnen und Trägern der Traditionen laufend aktualisiert und stehen auf der folgenden Internetseite zur Verfügung: www.intangiblesearch.eu
Das Bild, das die 29 Einträge auf «intangiblesearch» vermitteln, ist für den Kanton Tessin sowohl in typologischer Hinsicht als auch in Bezug auf die regionalen Aspekte repräsentativ. Die Einträge decken sämtliche Tessiner Bezirke ab.

Weiterführende Informationen

Es gibt noch keine speziellen Internetseiten zur Inventarisierung der lebendigen Traditionen im Tessin. Die Bewahrung, die Erschliessung, die Vermittlung und eine weit verzweigte Kenntnis des immateriellen Kulturerbes der Region wurde nicht zuletzt dank dem CDE in Bellinzona und dem Netzwerk der regionalen Museen im Tessin möglich.
Zusätzliche Informationen finden sich auf der Internetseite des «Osservatorio culturale della Svizzera italiana», die einen Überblick über die kulturellen Aktivitäten der Region bietet. Auf dieser Seite werden Bibliotheken, Museen, Theater, Festivals und Vereinigungen verschiedenster Art (von archäologischen Vereinen über Folkloregruppen bis hin zu Handwerksvereinigungen, Chören und Laientheatergruppen) detailliert beschrieben, um einen optimalen Zugriff zu ermöglichen. Die elf kantonalen ethnographischen Museen ihrerseits bieten je nach Saison verschiedene Aktivitäten und Programme an. Ausführliche Informationen sind auf den Internetseiten der einzelnen Institutionen einsehbar. Einige Träger der lebendigen Traditionen, die im beim Bundesamt für Kultur hinterlegten Dossier beschrieben sind, verfügen ebenfalls über eine Internetseite.

Referenzen